Transparenz oder: Warum das Leben auf dem Land anstrengender ist…

Gedanken zu Andre Kieserlings Kolumne über Goffmans „Wir alle spielen Theater“ (lesenswertes Buch!) in der FAS:

http://www.faz.net/…/soziale-systeme-die-glaeserne-welt-134…

Goffmann beschreibt in „Wir alle spielen Theater“ die unterschiedlichen Rollen, in die wir im alltäglichen Umgang miteinander schlüpfen. Er beschreibt, wie Masken, Hinter-&vor-der-Bühne, Publikum und andere Schauspieler dazu führen, die Rollen aufrecht zu halten. Die soziologische Rollentheorie geht davon aus, dass eine Person unterschiedliche Rollen umfasst, die nicht gleichzeitig in Erscheinung treten. Man ist z.B. im Philosophieseminar, als Kellner bei Kunden, als Kellner in der Küche, als Philosoph am Tresen, etc. – und jeweils verhält man sich anders.

Die Kolumne beschreibt, wie es auf dem Land schwerer ist, einzelne Rollen ungestört zu spielen, wenn das Umfeld einen auch aus anderen Kontexten kennt. Es fällt schwerer, billige Geschenke zu schenken, sich durchzuschnorren oder zu feilschen, wenn man sich wo anders vermögend gezeigt hat. Und es fällt schwerer im Wirtshaus den Erfolgreichen zu spielen, wenn das Umfeld die Misserfolge und Probleme kennt.

Meine Anschließenden Gedanken: Bei den aktuellen Privacy-Diskussionen zu Social Media müssten die Städter und Ländler theoretisch andere Erfahrungen und Ansichten mitbringen.

  • Sehen Städter ihre eigene Privatsphäre weniger eng, weil sie die Probleme nicht kennen?
  • Oder stellt sich für die Ländler die Frage nicht, weil es selbstverständlich ist und das „Global Village“ sie heimischer fühlen lässt?
  • Legt man als Ländler dann auch mehr Wert darauf Personen „mehrdimensional“ kennenzulernen? Also nicht nur in dem notwendigen Kontext, sondern auch über Hobbies, Herkunft, Einstellung,..

Weitere allgemeine Fragen:

  • Legen Ländler, die in die Stadt ziehen, mehr Wert auf eine konsistente Persönlichkeit, als Menschen die in der Stadt groß werden?
  • Daran anschließend: Moraltheorien, wie von MacIntyre, basieren auf dem Erzählen konsistenter Geschichten vom Selbst unter der Annahme, dass nur dann eine Orientierung in der Zukunft möglich ist. Das lehrt auch Michael Endes Momo bei „Zuhören wie Momo“. Sind Leute vom Land moralischer, als Leute aus der Stadt?
  • Führt Transparenz zu moralischem Verhalten – wenn ja: nach welchen Tugenden & Werten?

…hätte ja Lust die Frage weiter zu verfolgen. Was denkt ihr dazu?

(von Max)